Doppelte Standards, Konflikte und fehlende Nähe: Darum scheiterte Nagelsmann beim DFB-Team

Doppelte Standards, Konflikte und fehlende Nähe: Darum scheiterte Nagelsmann beim DFB-Team

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Julian Nagelsmann
Julian Nagelsmann / Getty Images
Julian Nagelsmann hat die deutsche Nationalmannschaft nach der enttäuschenden WM 2026 offiziell verlassen.

Dabei hatten es vor ihm weder Joachim Löw 2018 noch Hansi Flick 2022 ins Achtelfinale geschafft. Die Entwicklung legt nahe, dass die Probleme tiefer reichen als bis zur nächsten Trainerentscheidung. Trotzdem muss jeder Fall einzeln bewertet werden. Und gegen eine weitere Zusammenarbeit mit Nagelsmann gab es genügend Argumente.

Dabei hatte alles ambitioniert begonnen. Die Heim-EM 2024 entwickelte sich vielversprechend, bis Deutschland im Viertelfinale auf Marc Cucurellas Hand traf. Das bittere Aus gegen Spanien weckte den Wunsch nach einer Revanche. In Deutschland war man überzeugt, dass sich die positive Entwicklung fortsetzen und auf den erfolgreichen Ansätzen aufbauen lassen würde. Auch ohne Toni Kroos.

Allerdings gab es schon rund um die EM 2024 eine negative Geschichte, der damals nicht allzu viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Nagelsmann verzichtete auf Mats Hummels, obwohl der Innenverteidiger am Ende der Saison 2023/24 in hervorragender Form gewesen war und Borussia Dortmund bis ins Champions-League-Finale geführt hatte. Offenbar hat Hummels diese Entscheidung bis heute nicht vergessen.

“Wenn man die gesamte Faktenlage betrachtet, würde ich sagen, dass sich auf der Trainerposition etwas ändern muss”, kommentierte Hummels das jüngste deutsche Scheitern deutlich. Gleichzeitig deutete er an, dass seine Meinung wegen der eigenen Nichtnominierung für die EM 2024 nicht völlig unvoreingenommen sein könnte: “Da ist nicht alles sehr fair und ehrlich mit mir gelaufen. Das müssen wir, glaube ich, irgendwann mal in einem privaten Gespräch ausräumen.”


Diese Episode zeigt zwei Probleme Nagelsmanns, die während der WM 2026 immer größer wurden: Die Kommunikation mit der Mannschaft und der Umgang mit Konflikten.

Das ist in gewisser Weise überraschend, denn Nagelsmann verfügt durchaus über eine durchdachte Methode im Umgang mit Spielern. Er übernahm sie von Gordon Herbert. Der kanadische Basketballtrainer führte Deutschland 2023 sensationell zum Weltmeistertitel und veröffentlichte später einen Bestseller über Sportpsychologie.

Im Mittelpunkt von Herberts Ansatz stehen eine klare Hierarchie innerhalb der Mannschaft sowie eine transparente Verteilung von Rollen und Aufgaben. Doch jede Methode muss an die jeweilige Situation angepasst werden. Menschliche Beziehungen lassen sich schließlich nicht programmieren. Außerdem besteht ein Fußballkader aus deutlich mehr Spielern als eine Basketballmannschaft.

Genau hier manövrierte sich Nagelsmann in eine Falle. Jede Abweichung von seinen eigenen Grundsätzen konnte als doppelter Standard ausgelegt werden und für Unverständnis sorgen. Genau das geschah.

Besonders deutlich wurde es bei der Rückkehr von Manuel Neuer. Monatelang hatte Nagelsmann Oliver Baumann signalisiert, dass er als Nummer eins zur Weltmeisterschaft fahren wird. Im Mai kamen jedoch Gerüchte auf, Neuer soll zurückkehren und direkt wieder Stammtorwart werden. Baumann erfuhr davon nicht vom Bundestrainer, sondern aus den Medien.

Dieses Vorgehen irritierte nicht nur Baumann, mit dem Nagelsmann schon rund zehn Jahre zuvor in Hoffenheim hervorragend zusammengearbeitet hatte. Auch innerhalb der Mannschaft sorgte es für Unverständnis.

Es gab zunehmend Situationen, in denen Nagelsmann etwas ankündigte und anschließend anders handelte. Ein weiteres Beispiel war sein Verhältnis zu Leon Goretzka, das mitunter an ein Pingpong-Spiel erinnerte. Zu Beginn seiner Amtszeit kritisierte der Bundestrainer den Mittelfeldspieler. Nach dem Rücktritt von Kroos holte er ihn jedoch wieder in die Startelf zurück. Im Frühjahr vor der WM stellte Nagelsmann Goretzka sogar eine wichtige Rolle beim Turnier in Aussicht.

Während der Weltmeisterschaft saß Goretzka dann fast ausschließlich auf der Bank. Schon bei der WM in Katar soll er unter Flick gerade deshalb für schlechte Stimmung in der Kabine gesorgt haben. Es überrascht daher nicht, dass Goretzka wenig Begeisterung zeigte, im Elfmeterschießen gegen Paraguay Verantwortung zu übernehmen. Ihm fehlten offenbar sowohl das nötige Gefühl als auch das Vertrauen des Trainers.


Am Ende hatte Nagelsmann so viele Prinzipien formuliert, dass er sich selbst darin verhedderte. Einige widersprachen sich direkt.

Weltmeister Matthias Ginter wurde nicht für die WM nominiert, weil er angeblich zu selten in einer Dreierkette gespielt hatte. Deutschland absolvierte das Turnier anschließend jedoch durchgehend mit einer Viererkette.

Auf der einen Seite erklärte Nagelsmann, dass nur Spieler mit einem Stammplatz im Verein in der Nationalmannschaft beginnen sollten. Auf der anderen Seite versprach er Goretzka eine bedeutende Rolle, obwohl dieser beim FC Bayern häufig auf der Bank saß.

Felix Nmecha und Aleksandar Pavlović kritisierte der Trainer wegen ihres noch nicht ausgereiften Spiels gegen den Ball. Trotzdem bildeten ausgerechnet sie bei der WM in fast allen Partien seine bevorzugte Mittelfeldzentrale.

Die Diskussion über die Kaderauswahl entzündete sich deshalb nicht nur an einzelnen Namen. Viel problematischer war der Weg, auf dem die Entscheidungen kommuniziert wurden. Öffentliche Hinweise an Spieler und zahlreiche Aussagen in Interviews passten später nicht zur Realität.

Das beschädigte Nagelsmanns Glaubwürdigkeit in der Kabine. Der Versuch, eine klare Hierarchie zu schaffen, scheiterte. Umstrittene personelle und taktische Entscheidungen schwächten das Vertrauen zusätzlich. Dazu gehörte Joshua Kimmichs Einsatz als Rechtsverteidiger, obwohl er der einzige nominelle Spieler für diese Position im Kader war. Auch Nagelsmanns beinahe naiver Glaube an ein Comeback von Leroy Sané zahlte sich nicht aus.

Dass die Atmosphäre innerhalb der Mannschaft nicht gesund war, deutete bereits der Konflikt mit Deniz Undav im März an. Der Stürmer erzielte im Testspiel gegen Ghana den Siegtreffer und erklärte anschließend offen, dass er um einen Stammplatz kämpfen will.

Nagelsmann bremste ihn daraufhin öffentlich aus und betonte, Undav hat trotz seines Tores kein besonders gutes Spiel gemacht. Später räumte der Bundestrainer ein, in diesem Streit falsch reagiert zu haben. Doch übertriebene Emotionalität, Selbstbezogenheit und ein gereizter Ton wurden mit der Zeit zu regelmäßigen Bestandteilen seiner Pressekonferenzen. Kritik und Vorschläge nahm Nagelsmann nur widerwillig an.


Mit Journalisten sprach er unglaublich viel und häufig bis ins kleinste Detail. Mit seinen Spielern dagegen offenbar zu wenig.

Nach Informationen von Sky Sport kommunizierte Nagelsmann besonders gern über Sprachnachrichten bei WhatsApp. Persönliche Einzelgespräche waren dagegen selten. Viele Spieler hätten sich vom Trainerteam mehr direktes Feedback gewünscht. Teilweise erfuhren sie taktische Überlegungen, Begründungen für Entscheidungen oder die eigentliche Botschaft des Trainers erst sehr spät. Manchmal wurden sie ihnen erst auf der Pressekonferenz richtig klar.

Auch hier lohnt sich ein Blick auf das Elfmeterschießen gegen Paraguay. Die Suche nach zusätzlichen Schützen übernahm offenbar Kimmich. Es wirkte, als hätte der Trainerstab dieses Szenario einfach den Spielern überlassen, die selbst Initiative zeigen wollten.

Davon gab es nicht viele. Am Ende meldete sich nur Jonathan Tah. Sein Fehlschuss schickte Deutschland nach Hause.

Für Unzufriedenheit sorgte außerdem ein Problem, das man eher aus einem alten Fußballmanager-Spiel erwarten würde: die Wahl des Mannschaftshotels.

Wie BILD berichtete, entschieden sich Nagelsmann und die DFB-Verantwortlichen für eine völlig abgeschottete Unterkunft. Sie hatte im Grunde nur zwei Vorteile: Die Nähe zum Trainingsplatz und zum Flughafen. Ansonsten blickten die Spieler aus ihren Fenstern auf Wald und Einsamkeit. Viele sehnten sich nach der Zeit in Chicago zurück.

Nagelsmann verbrachte einen großen Teil seiner Freizeit mit seinen Assistenten und seiner Frau Lena. Die Spieler mussten sich dagegen selbst beschäftigen. Nick Woltemade erzählte, dass sie aus Langeweile sogar Verstecken spielten.

Lothar Matthäus berichtete in diesem Zusammenhang von einer beinahe absurden Geschichte aus dem Mannschaftsalltag. Angeblich fühlte sich ein Spieler benachteiligt, weil die Familien einiger Teamkollegen im DFB-Charterflug mitreisen durften, während seine eigenen Angehörigen einen regulären Linienflug nehmen mussten.

Nach Matthäus’ Darstellung waren viele Spieler mit Buchungen, Reiseplänen und Ausflügen für die freien Tage beschäftigt. Grundsätzlich kritisierte er die Entscheidung, die Familien schon in einer frühen Phase der Weltmeisterschaft einzuladen. Aus eigener Erfahrung erinnerte Matthäus daran, dass ein ähnliches Modell der deutschen Mannschaft bereits bei der WM 1994 nicht gutgetan habe.


Auch der frühere Nationaltorwart Jens Lehmann kritisierte Nagelsmann: “Wir hatten fantastische Teammanager wie Beckenbauer und Rudi Völler, die selber als Spieler aktiv waren. Jürgen Klinsmann, Berti Vogts. Nagelsmann ist der erste Trainer seit 30 oder 40 Jahren, der selbst nie gespielt hat – sein gesamter Trainerstab hat das nicht. (…) Es dreht sich alles um Details. Es geht nicht um das große Ganze. Es geht um Details. Wenn dir niemand die Details erklärt, bist du immer nur die Nummer zwei.”

Diese Aussagen könnte man als Frust eines ehemaligen Spielers abtun, der nach seiner Karriere keine klare Rolle für sich gefunden hat. Doch Lehmanns Kritik hat zumindest einen nachvollziehbaren Kern.

Nagelsmann stellte offenbar eher ein Gefolge als einen echten Trainerstab zusammen. Unter seinen Assistenten befand sich kaum jemand mit großer Autorität oder einer bedeutenden Vergangenheit im deutschen Spitzenfußball. Der Spiegel bezeichnete das Trainerteam unter Berufung auf eine Quelle aus der Nationalmannschaft als Nagelsmanns “Komfortzone.” Seine Mitarbeiter hätten ihm kaum eine echte zweite Meinung angeboten.

Viele von ihnen kannte Nagelsmann noch aus Hoffenheim. Sie gehörten ungefähr seiner Altersgruppe an und hatten zuvor als Scouts, Videoanalysten, Athletiktrainer oder Performance-Manager gearbeitet. Die Zahl der Mitarbeiter war beeindruckend. Bei den Spielern entstanden jedoch nachvollziehbare Fragen: Wer sind all diese Menschen? Welche Aufgabe haben sie genau? Und weshalb sollten wir ihnen vertrauen?

Früher gab es mit Sandro Wagner einen direkten Ansprechpartner für die Spieler. Durch seine offene Art und seine Erfahrung in der Nationalmannschaft sowie beim FC Bayern genoss er großen Respekt. Wagner vermittelte zwischen dem Team und Nagelsmann.


Bis 2025 verschlechterte sich jedoch sein Verhältnis zum Bundestrainer. Wagner entschied sich für eine eigene Laufbahn als Cheftrainer und verließ den DFB noch vor der Weltmeisterschaft. Später ging auch ein Physiotherapeut, dem zahlreiche Leistungsträger vertraut hatten. Mit den neuen Mitarbeitern waren längst nicht alle zufrieden.

Nach Recherchen von Sky Sport waren mehrere Spieler schon im Trainingslager vor der Weltmeisterschaft von den physiotherapeutischen Behandlungen enttäuscht. Angeführt von Kapitän Kimmich forderten sie einen externen Spezialisten. Dabei handelte es sich um einen Arzt aus Stuttgart, der ein privates Rehabilitationszentrum gegründet hatte und leitete.

Er wurde in separaten Räumen in der Nähe des Mannschaftshotels untergebracht und unterstützte die Spieler bei der Regeneration nach den Partien.

An der körperlichen Verfassung lag das deutsche Scheitern offenbar nicht. Nach der Gruppenphase führte die Nationalmannschaft die Statistik bei den Sprints an und belegte bei der zurückgelegten Distanz den zweiten Platz. Deutschland hatte also genügend Energie.

Was fehlte dann? Talent, Ideen und vor allem die Fähigkeit, diese Ideen auf den Platz zu bringen.

Nagelsmann übernahm die Nationalmannschaft als einer der fortschrittlichsten Trainer seiner Generation. Doch ein Nationalteam verlangt andere Fähigkeiten als ein Verein. Dabei geht es nicht nur um Taktik.

Ein Bundestrainer muss 26 Spielern vermitteln, dass für alle dieselben Regeln gelten und dass jede Entscheidung nachvollziehbar ist. Genau dieses Gefühl hatte die deutsche Mannschaft bei der WM offenbar nie.

Nagelsmann erschuf seine eigene kleine Welt, in die Außenstehende nur schwer eindringen konnten. Eine Welt, die schwer zu verstehen und noch schwerer zu deuten war. Irgendwann galt das möglicherweise sogar für Nagelsmann selbst.

Die Generation der Laptoptrainer, die in den 2010er-Jahren den Fußball eroberte, besteht den Test der Zeit nicht in jedem Fall. Manchmal entsteht tatsächlich der Eindruck, dass einigen von ihnen der Umgang mit Laptops und Datenmengen leichter fällt als der Umgang mit echten Menschen.

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